Die erste Begegnung

Die Entscheidung, mir einen Blindenführhund an die Seite zu holen, war ein Herzenswunsch, den ich schon als Kind hatte. Damals war es die Schäferhündin Alice, die mich faszinierte. Sie war der Führhund eines blinden Mannes, der an unserer Schule arbeitete.

Nach ausführlicher Recherche und dem Abwägen von Für und Wider eines Blindenführhunds besuchte ich im Sommer 2010 die Führhundschule Seitle, wo ich meinen zukünftigen Hund Frieda, eine schwarze Labradorhündin von eineinhalb Jahren, kennenlernte. Unser erster Kontakt bestand darin, dass sie mich von hinten ansprang und um mich herumhüpfte. Frau Seitle, die mich durch das Grundstück der Schule führte, bezeichnete Frieda zunächst als eine „richtige Hex“, aber auch als sehr freundlichen und eben auch sehr lebhaften Hund. Weiterhin erfuhr ich, dass sie noch am Anfang ihrer Führhundausbildung sei und noch keinen Abnehmer habe. Wenn ich also wollte und ich die Kostenübernahme der Krankenkasse zugesichert bekäme, könnten Frieda und ich in einem halben Jahr als Gespann durch die Gegend laufen. Von meiner Seite war die Entscheidung an diesem Tag gefallen.

 

Erste Schritte

Sechs Monate später erfolgte dann die Einschulung für Frieda und mich in Neuburg an der Donau. Bei einem ersten Hundespaziergang erklärte mir meine Trainerin Julia alles Wichtige für die nächste Zeit und beantwortete geduldig und kompetent meine Fragen. Dann durfte ich Frieda zum ersten Mal das Führgeschirr anlegen und wir versuchten ein paar Schritte, angeleitet von Julia. Es war ein seltsames Gefühl und ich war beim besten Willen nicht in der Lage, entspannt zu laufen, zu groß war die Angst, Frieda auf die Pfote zu treten oder sie aus dem Konzept zu bringen. Sie hingegen meisterte die neue Situation gekonnt und mit Geduld, wofür sie viel Lob und einige Leckerli erntete.

 

Gutes Bord und blödes Bord

Am nächsten Tag, nachdem sich das Gefühl, hinter einem Hund am Führbügel zu laufen nicht mehr allzu befremdlich anfühlte, trainierten wir in einer Wohnsiedlung in Ingolstadt. Diesmal übten wir, wie man sich an Bordsteinen verhält. Der Hund muss Bordsteinkanten anzeigen, indem er kurz davor stehenbleibt. Das hört sich einfacher an, als es tatsächlich ist, denn oft sind Gehsteigkanten so abgeflacht, dass der Hund sie nur sehr schwer erkennen kann. So hatte natürlich auch Frieda das Eine oder Andere Mal ihre Schwierigkeiten, zumal sie sich ja zusätzlich auch an ihr neues, noch unsicheres Anhängsel, nämlich mich, gewöhnen musste. Als wir wieder einmal eine sehr flache Kante passierten, ohne dieser auch nur die geringste Beachtung zu schenken, und Trainerin Julia uns energisch stoppen musste, sagte ich zu Frieda: „das konntest du ja fast nicht erkennen, das war ein blödes Bord!“. Aber diese Ausrede ließ Julia nicht gelten und so übten wir solange an dieser Kante, bis Frieda und ich sie perfekt meistern konnten. Es ist wichtig, nicht die Geduld zu verlieren, wenn Fehler passieren, sei es von Seiten des Hundes oder des Menschen. Dann kommt es darauf an, Ruhe zu bewahren, in die Ausgangssituation zurückzukehren und noch einmal von vorne zu beginnen. Hinterher darf natürlich ausgiebiges Lob für den Hund nicht fehlen.

Seit diesen Trainingsstunden gibt es für mich jedenfalls nicht mehr die Einteilung von hohen oder flachen Bordsteinkanten, sondern nur noch „gutes Bord“ und „blödes Bord“, ein bisschen Blödsinn muss erlaubt sein :-) Mag man diese Kanten im Stillen bezeichnen, wie man will, solang man Frieda ihre gewohnten Hörzeichen gibt, macht sie ihre Sache hervorragend!

 

Frieda hält mich gesund

Es ist ja gemeinhin bekannt, dass Hunde viel Auslauf brauchen, so muss man täglich mehrmals mit ihnen an die frische Luft. Schon alleine diese Tatsache würde ausreichen, um mein Bewegungspensum enorm zu steigern, denn ich will meinem Hund, und somit auch mir,  ausgiebige Spaziergänge gönnen. Aber nicht nur auf unseren täglichen Spaziergängen, sondern auch im Führgeschirr legte Frieda ein beachtliches Tempo vor und zeigte ihr Temperament. Dabei arbeitete sie aber wie immer hoch konzentriert und umging alle Hindernisse, auch solche, die nicht für sie, wohl aber für mich gefährlich werden konnten, wie herabhängende Äste oder Schilder in Kopfhöhe. Mit einem „Langsam“ konnte man ihr Tempo auch etwas zügeln, was ich vor allem dann in Anspruch nahm, wenn wir eine längere Anhöhe zu passieren hatten. Man muss also keine Angst haben, dass man seinem Hund nicht hinterherkommt, denn der Mensch hat das letzte Wort und gibt das Kommando. Mir ist Friedas schneller Schritt jedoch ganz recht, dadurch erhoffe ich mir eine bessere Ausdauer und auf lange Sicht das eine oder andere Pfund zu verlieren. Außerdem bekommt man gute Laune, wenn man beobachten kann, wie ausgelassen Frieda bei den Spaziergängen herumtollt. Mit einer Schelle, die sie dann am Halsband trägt, kann man sie weithin hören.

 

Frieda, lauf heim!

Eigentlich wurde ich auf den Hundespaziergängen entweder von Trainerin Julia oder Frau Seitle begleitet. Eines Abends traf es sich jedoch, dass beide verhindert waren und so ging ich denn das erste Mal alleine mit Frieda Gassi. Im Notfall könne ich jedoch bei Seitles anrufen und in zehn Minuten sei jemand hier um zu helfen. Mit dieser Versicherung von Frau Seitle und einigen Leckerli im Gepäck zogen wir also los. Ich wollte meine Sache besonders gut machen und Frieda extra lange laufen lassen, hatte sie doch heute ihre Sache beim Training wieder einmal sehr gut gemacht. Der Weg ist ja auch wirklich einfach, dachte ich bei mir, da hast du schon ganz Anderes gemeistert. So ging auch alles gut, bis ich in der Ferne einige Reiter hörte, da hielt ich Frieda lieber am Halsband fest und stellte mich an den Straßenrand, bis die Pferde nicht mehr zu hören waren. Doch nun wusste ich nicht mehr, aus welcher Richtung ich gekommen war. Also ging ich einfach weiter, in der Hoffnung, auf dem Rückweg zu sein. So sah es zunächst auch aus, doch irgendwann hatte ich mich so verfranzt, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, wo ich war. So nahm ich Frieda kurzerhand ins Geschirr und sagte: „Frieda, lauf heim, ich brauch jetzt deine Hilfe!“ Zielstrebig ging Frieda drauflos. Aus irgendeinem Grund dachte ich jedoch, dass es genau die falsche Richtung sei und dass sie einfach nur gern weiter spazieren laufen wollte. So schickte ich sie in die entgegengesetzte Richtung weiter, bis mir auch das spanisch vorkam. Da wurde es Frieda zu dumm. Energisch drehte sie sich um, und ich mich mit ihr. Ich beschloss jetzt, ihr zu vertrauen und das sagte ich ihr auch. Ihr zügiger, sicherer Gang und die Bestimmtheit, mit der sie kehrt gemacht hatten, überzeugten mich, dass sie wusste, wohin sie sollte. Tatsächlich gelangten wir wenig später wohlbehalten an dem Hotel an, in dem wir beide für die Einschulung untergebracht worden waren. Ich war unglaublich stolz auf meine kluge Frieda, die meine Aufregung gespürt haben musste und trotz widersprüchlicher Befehle genau das Richtige getan hatte.

 

Ampeln sind klasse!

Schon bald merkte ich, dass es Frieda unglaublichen Spaß bereitet, Dinge anzuzeigen. In ihrer Ausbildung lernen Führhunde, auf Befehl Bänke, Treppen oder Zebrastreifen aufzusuchen. Frieda geht hier sehr eifrig ans Werk. So zeigt sie auch minimale Vertiefungen oder Schwellen im Boden an oder auch einfach nur, wenn sich der Belag ändert. Das hat sie so nicht gelernt, aber ihr Eifer ist so groß, dass sie am liebsten alles, was in irgendeiner Weise ein Hindernis darstellen könnte, anzeigen will. Aber mit einem „weiter“ kann man seinen Weg normal fortsetzen.

Eine besondere Vorliebe scheint sie für Ampeln zu haben. Das bemerkte ich, als ich ihr das erste Mal das Hörzeichen „such Ampel“ gab. Daraufhin rannte sie begeistert los, wurde immer schneller und hielt exakt vor dem nächsten Ampelpfosten an. Nun war natürlich ein Leckerli fällig, möglicherweise hat ihre Begeisterung für Ampeln auch damit zu tun, dass es hier nicht nur viel Lob, sondern auch meistens etwas zu knabbern gibt. Dieser Ansporn ist jedoch gerechtfertigt, denn es ist für Hunde schon eine Kunst, ausgerechnet eine Ampel als solche zu erkennen.

 

Auf Umwegen zum Ziel

Bis zu unserem Spazierweg mussten Frieda und ich ein Stück im Geschirr laufen, danach konnte ich sie frei herumtollen lassen. Eines Abends war unser üblicher Hinweg völlig von geparkten Autos blockiert. Frieda blieb kurz vor der Bescherung stehen, fackelte dann aber nicht lange und nahm nach kurzem Nachdenken schlicht und einfach einen anderen Weg, auf dem wir beide vorher noch nie gelaufen waren. Meine Mutter, die uns gerade besuchte und unseren Gang begleitete, merkte nicht einmal, dass wir gerade einen Umweg nahmen, so sicher führte mich Frieda zum Ziel, denn wir kamen genau dort an, wo ich sie sonst immer aus dem Geschirr nahm und von der Leine ließ. Auch ich hatte mir nichts anmerken lassen, denn inzwischen konnte ich Frieda schon soweit vertrauen, dass ich merkte, wie sie einen Ausweg suchte und fand. Auf dem Rückweg konnte sie es natürlich nicht lassen, aus Eifer noch zusätzlich eine Ampel und eine Treppe anzuzeigen, die wir auf dem Weg aber gar nicht brauchten. Solche Sachen sind aber nicht gefährlich, da die Hunde gelernt haben, vor einer Treppe stehen zu bleiben und an Ampeln so zu halten, dass sich der Blinde nicht am Pfosten stößt. Es bewies mir nur wieder einmal mehr, wie eifrig Frieda bei der Sache ist und wie viel Spaß es ihr macht, zu führen.

 

Ausblick

Nun befinden Trainerin Julia, Frieda und ich uns in der dritten Einschulungswoche an meinem Wohnort. Hier üben wir die Wege, die ich täglich gehen muss. Einer von ihnen wird Inhalt der Gespannprüfung sein, die uns noch erwartet. Hier soll festgestellt werden, ob das Gespann, also der Hund und der Blinde, so miteinander zurechtkommen, dass sie sich beispielsweise im Straßenverkehr nicht gefährden, und auch keine Gefahr für andere darstellen. Falls wir diese Prüfung nicht bestehen, was Julia im Übrigen nicht glaubt, kann es nicht am Training gelegen haben. Wenn es nötig war, verbesserte uns Julia und ließ es uns noch einmal versuchen, bis es schließlich klappte. Die Kritik, die sie gab, war positiv und nicht einschüchternd oder kränkend. Wer wirklich etwas lernen will, kann aus dieser Art von Training viel mitnehmen und weiß schließlich, wie man mit seinem Führhund umgehen muss, was erlaubt ist und wo man durchgreifen und konsequent sein muss.

Frieda ist trotz ihres Temperaments und ihrer Wildheit sehr folgsam und gehorcht praktisch aufs Wort, zwar manchmal mehr, manchmal weniger gern, aber das ist ja nicht nur bei Hunden so. Ich habe in den zwei Wochen, die wir jetzt zusammen verbracht haben, erfahren dürfen, dass ich mich auf sie verlassen kann. Sie muss eine sehr gute Ausbildung genossen haben.

Insofern sehe ich der Gespannprüfung positiv entgegen.