28.08.2011: Faszinierende Gemeinsamkeiten zwischen der Ausbildung von Blindenführhunden und der Erziehung von Kindern

„Wollen wir einen Hund?“ Diese Frage war in unserer Familie seit vielen Jahren immer wieder zur Sprache gekommen. Doch das Bewusstsein, dass ein Vierbeiner vom Menschen einiges an Zeit, Wissen und Energie abverlangt, will man ihm gerecht werden, ließen uns den Entschluss immer wieder hinausschieben. Dass es aber auch die Möglichkeit gab, einen Hund nur für ein Jahr nach Hause zu bekommen, das erfuhren wir durch Zufall. So nahmen wir Kontakt auf zu einer Neuburger Blindenführhundeschule, die diese Möglichkeit anbot.

Wir erfuhren, dass wir einen Welpen bekommen konnten, der etwa bis zum Alter von einem Jahr als Familienhund bei uns leben würde. Nach einigen Telefonaten und Besuchen waren wir dem Charme eines weißen Labradorwelpen voll und ganz erlegen und Rico, ein achtwöchiger Welpe, zog bei uns ein. Wir waren Paten eines späteren Blindenführhundes geworden.

Leider gab es schon bald nicht nur erfreuliche Augenblicke. Wie bekommt man einen Welpen möglichst rasch stubenrein? Was tun, wenn er nicht hören will? Wie seinen ungezügelten Appetit im Zaum halten? Warum nagt er an Möbeln? Wie sind seine Lautäußerungen zu verstehen? – und vieles mehr. Wir standen vor vielen Fragen, die wir – damals noch recht unerfahren – durch Telefonate, durch Nachlesen in Hundebüchern und durch das Training in einer Königsbrunner Hundeschule allmählich immer besser in den Griff bekamen.

Natürlich ist gewünscht, dass die Patenfamilie dem Tier eine ordentliche Grunderziehung zukommen lässt. Jeder kennt die üblichen Kommandos „Sitz!“, „Steh!“, „Platz!“, „Bleib!“, deren Einübung keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet. Als zeitweiliger Halter eines Blindenführhundes versucht man, dem Vierbeiner nach und nach einige weitere Kommandos beizubringen: „Links voran!“ „Such Bord!“ (Damit ist der Bordstein gemeint, der Hund muss hier stehen bleiben, damit der Blinde nicht stolpert), „Langsam!“, „Nach Hause!“ (Den Weg nach Hause finden), „Such Bank!“ (Hier sucht das Tier im Bus, in der Straßenbahn oder im Zug einen freien Platz für sein blindes Herrchen), und manches andere.

Endgültig zur weiteren Ausbildung ausgewählt werden diese Tiere streng nach ihrer Gesundheit, der Wesensfestigkeit, Arbeitsfreude und Lernfähigkeit. Insgesamt muss ein Blindenführhund bis zum Ende seiner etwa eineinhalbjährigen Ausbildung – ab dem Alter von etwa einem Jahr übernimmt dies ein professioneller Trainer – über 40 Kommandos kennen und sicher beherrschen. Man staunt, was ein Hund alles lernen kann, sieht man doch eher unfolgsame Vierbeiner, und man macht sich allerlei Gedanken:

Wie muss man vorgehen FÜR EINE ERFOLGREICHE HundEAUSBILDUng?
Nach welchen Grundprinzipien funktionieren Erziehung, Motivation und Lernen BEIM HUND?
WAS SIND HÄUFIG GEMACHTE FEHLER? WO LIEGEN DIE URSACHEN FÜR DIESE FEHLER?

Da ein Hund die menschliche Sprache nicht verstehen kann, werden Laute oder Wörter nur als Signale verwendet, auf die vom Tier eine bestimmte Ausführung erwünscht ist. Mit dieser Methode der Verknüpfung oder Konditionierung wird trainiert. Damit ein Hund auf das Wort „Sitz!“ dieses Kommando auch ausführt, hält man ihm in der Lernphase einen Hundekeks so über den Kopf, dass er diesen nur annehmen kann, wenn er sich auf die Hinterbeine setzt. Bald verwendet man überwiegend nur noch das sog. Sichtzeichen, man streckt dazu wortlos den Zeigefinger nach oben und der Hund weiß, dass dies als Signal für das Hinsetzen zu verstehen ist. Erfolgreich wird die Konditionierung dann, wenn sich der Mensch nicht mit langen Sätzen, sondern kurz und mit immer gleichen Worten und Handzeichen dem Tier verständlich macht.

Bei unseren Bemühungen um eine gute Grunderziehung unserer zukünftigen Blindenführhunde bemerkten wir Tag für Tag mehr, dass in vielen Fragen die Probleme und deren Lösungen bei der Kinder- und Hundeerziehung überraschend ähnlich aussahen. Es gibt eine große Zahl zum Teil recht verblüffender Parallelen, hier ein paar Beispiele:

KlarHEIT in den Äußerungen und Signalen beschleuniget das Lernen und Vorankommen. Ist dieser Grundsatz für das Lernen und bei der Erziehung von Kindern etwa anders? Sich seinem Gegenüber klar und eindeutig auszudrücken, ist auch wichtig für uns Lehrer im Unterricht, und dies nicht nur im Fach Mathematik. Einreden auf den Hund („Ich hab dir das doch schon so oft gesagt…“) hat keinerlei positiven Effekt, in ähnlicher Weise verlaufen auch lange Diskussionen mit Kindern meist ziemlich unbefriedigend. Und allein mit Spaß funktioniert Lernen halt auch nicht. Jeder weiß das…

Weitere wichtige Prinzipien erfolgreichen Lernens in der Hundeausbildung sind konzentriertes ÜBEN und stetes WIEDERHOLEN. Das Tier beherrscht ein Kommando noch lange nicht, wenn es ein paar Mal geklappt hat, die Festigung durch Üben ist unerlässlich. Wir finden die gleichen Grundsätze in der Schule: Ein bisschen Wörter lernen kann nicht funktionieren, von einer schnell mal hingefetzten Hausaufgabe wird wenig im Gedächtnis bleiben, vor allem, wenn im Kopf zugleich noch andere Dinge herumgeistern.

Einer der wichtigsten Grundsätze in der Erziehung ist Konsequenz. Nur so kennt sich ein Vierbeiner, aber auch ein Kind aus. Ohne Konsequenz entsteht auch kein Vertrauen, jeder braucht verlässliche Partner. Einmal so und dann wieder anders, einmal ja und das nächste Mal nein, das kann nicht funktionieren, es verwirrt nur. Ein „Nein!“ muss ein Nein bleiben.

Der Hund stammt vom Wolf ab und ist wie dieser ein Rudeltier. Damit ein Rudel in der Natur überleben kann, hat jedes Tier seine Aufgabe und es gibt eine ganz klare Rangordnung. Glaubt ein Wolf, dass er stärker geworden ist als das bisher über ihm stehende Tier und dass er dessen Aufgaben besser ausführen kann, so fordert er es zum Kräftemessen heraus, er möchte sehen, ob er diesen ranghöheren Platz einnehmen kann. Was nun vielen Hundehaltern nicht bewusst ist: Auch der Vierbeiner, der in einer Familie lebt, befindet sich in einem Rudel. Und auch in diesem Mensch-Hund-Mischrudel läuft es nicht anders ab, nur will sich der Hund nun gegenüber Menschen behaupten und bei ihnen einen vorderen Rang erkämpfen. Immerwährendes Ziehen an der Leine ist eines der am häufigsten zu beobachtenden Hinweise (Der Vierbeiner signalisiert: Ich möchte dahin, geh gefälligst mit!). Übrigens muss nicht der größere, körperlich stärkere oder ältere Hund automatisch den vordersten Rang einnehmen, Stärke ausstrahlen und Dominanz ausüben können auch Hunde, bei denen man dies nicht vermutet! – Gibt es da nicht auch wieder Parallelen zum Menschen?

Was man auch schnell erkennt bei der Erziehung eines Hundes: Zu viel Freiheit überfordert. Oft als Zeichen der Zuneigung gedacht, wird die Freiheit, tun zu können was man möchte, vom Hund, aber auch von einem Kind schnell als Schwäche und Nachgiebigkeit empfunden. Eine besonnene und damit starke Persönlichkeit zeigt ruhig, aber bestimmt den Weg. Zuwendung, Geborgenheit, Vertrauen und Berechenbarkeit sind hierbei die sich positiv auswirkenden Faktoren. Sanfter Druck ja, aber Stärke darf keineswegs verwechselt werden mit Drill, Drohungen, Strafe oder Gewalt. Was man mit einer solchen Einstellung erreichen kann, ist in erster Linie Einschüchterung, Unsicherheit oder Angst. Zu große Härte und Strenge, oder gar das Zufügen von Schmerz sind zweifelhafte Mittel, sie können das Wesen verformen, beim Tier, ebenso beim Menschen.

Da sie vom Wolf abstammen, haben Hunde auch dessen Wachsamkeit und Jagdtrieb geerbt und beobachten ihre Umgebung ganz genau. Erkennt der Vierbeiner stärkere Reize, als sein Besitzer ihm bietet, wird er auch diesen interessanteren Reizen nachgehen, er wird das Kommando seines Herrchens nicht befolgen, es kann sogar sein, dass er wegläuft und die Suche nach ihm lange dauert. Man muss diesen Mechanismus verstehen und versuchen, den Hund immer wieder mit intensiven Reizen zu locken und als weitere, sehr wichtige Voraussetzung eine STARKE BINDUNG zu ihm aufzubauen. Reize, die unsere Kinder ablenken, kennen wir zu genau: Fernsehen, Computerspiele, der Anruf auf dem Handy…

LOB und Belohnungen zum richtigen Zeitpunkt helfen weiter: Zuwendungen durch Spiel, eine freundliche Stimme, durch Streicheln und auch mit Leckerlis. Diese sollten nur gegeben werden, wenn das Tier eine gewünschte Ausführung gezeigt hat, nicht davor, etwa nach dem Motto: „Nun mach schon, ich hab dir doch gerade ein Leckerli gegeben!“ Gibt man das Leckerli vorher, warum soll der Vierbeiner dann noch etwas tun, was ihm Mühe bereitet und nicht besonders viel Spaß macht? Wozu noch das Kommando ausführen, wo doch auf der anderen Straßenseite eine attraktive, heiratsfähige Hundedame vorbeiläuft? Belohnungen im Voraus bewirken eher das Gegenteil des Angestrebten. Sie motivieren nicht, sondern führen nur zum Verwöhntsein, denn Anreize fehlen eben, wenn man alles ohne Leistung erhält. – Kennen wir das nicht auch bei unseren Kindern? Süßigkeiten oder Automatengeld etwa helfen bei der Erziehung und beim Lernen nicht wirklich weiter!

Ein bisschen Erziehung, das funktioniert eben leider nicht, weder beim Vierbeiner noch bei Kindern. Auch wir Erwachsene müssen uns selbst beobachten und immer bereit sein, unsere Bedürfnisse und unser Verhalten zu überprüfen. Ein wichtiger Ratschlag der Trainer heißt: „Suche nie den Fehler beim Hund!“ Um gute Erziehung muss man sich konsequent bemühen, es ist eine wirklich nicht einfache Aufgabe, eher einem schmalen Pfad vergleichbar.

Inzwischen lebt schon der dritte Blindenführhund bei uns: Yaro. Auch bei ihm spüren wir, dass Erziehung nicht von selbst gelingt. Zudem ist jedes Lebewesen anders, selbst wenn es von den gleichen Eltern stammt. Aber man kommt gut voran, wenn man offen ist, das Gegenüber in seinem Verhalten, seiner Entwicklung und auch in seiner individuellen Körpersprache genau beobachtet und ein verantwortungsvolles Gespür entwickelt. Dann macht Erziehung bei aller Mühe große Freude, bei Mensch und Tier.

Das Allerschönste war für mich, als ich unseren ersten Welpen, er war inzwischen etwa zwei Jahre alt geworden und fertig ausgebildet, als souveränen Helfer seines blinden Herrchens beobachten konnte und dabei spürte, dass man mit seinen eigenen Bemühungen um erfolgreiches Lernen und gute Erziehung auch ein wenig dazu beigetragen hat, einem behinderten Menschen für viele Jahre eine wichtige Erleichterung in seinem Leben zu schenken. Und Rico machte erstaunlicherweise überhaupt keinen gestressten Eindruck bei seiner Arbeit! Er hat neben seiner Arbeit des Helfens, bei der er dem Blinden seine Augen „leiht“, noch genügend Zeit, herumzutollen und mit anderen Hunden oder seinem Herrchen oder Frauchen zu spielen. Das braucht er auch. Niemand kann nur arbeiten.

Ein knappes Jahr mit einem angehenden Blindenführhund zu verbringen, kann ganz besonders auch für Kinder eine sehr schöne und bereichernde Zeit bedeuten. Hier findet das Kind einen „Kumpan“, mit dem eine ganz enge, vertrauensvolle Bindung entstehen kann. Und das Kind schult sein soziales Gespür, es versteht allmählich ganz nebenbei, was es heißt, Verantwortung und Pflichten auf sich zu nehmen. Dazu lernt es Geduld zu üben – aber es kommt viel zurück!

Gerne gebe ich weitere Auskünfte, wenn jemand Interesse hat an einer solchen Patenschaft für einen Blindenführhund. Es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, Kosten für Futter, Tierarzt u.ä. werden übernommen. Bitte melden Sie sich bei Familie Seitle, sie werden gerne den Kontakt zu mir herstellen.

Friedrich