Keine Maschinen! Erfahrungsbericht nach meiner dritten Führhundversorgung von Maria Sellmeier

Mittlerweile sind fast fünf Monate vergangen, seit ich meine dritte Einarbeitung mit Earl begonnen hatte, der von der Schule Seitle ausgebildet wurde. Jeder Hund ist komplett anders, was seinen Charakter betrifft, somit ist jeder Hund anders zu händeln. Gerade zu Beginn einer jeden Einschulung erwischt man sich dabei, dass man sich Gedanken macht, inwieweit der Neue dem Alten ähnelt, ob er einfacher oder schwieriger zu händeln sein wird und ob er in etwa gleich arbeitet, wie der alte Hund. Das bringt allerdings nichts, denn wenn es erst einmal soweit ist, sollte man alle Vergleiche über Bord werfen und sich ganz von vorn auf den Hund einlassen. Alles andere würde einen selbst und auch den Hund vermutlich überfordern. Für den Hund bedeutet die Einschulung bei seinem neuen Besitzer genauso Stress, wie für uns als zukünftige Halter. Keiner kennt den Anderen; der Hund wird beim Halter aus dem Auto geholt und da wird er nun die Zeit verbringen. Er wird einem völlig fremden Menschen anvertraut, kennt die Umgebung nicht und weiß dessen Ausdrucksweise bzw. Körpersprache nicht zu deuten. Wenn man sich das so überlegt, muss das sehr verwirrend sein. Earl durfte sich meine Wohnung in Ruhe anschauen, bis er sie bis in den letzten Winkel inspiziert hatte.

Wir können von den Führhunden nicht verlangen, dass sie sofort auf Knopfdruck „funktionieren“, wobei das Wort „funktionieren“ hier fehl am Platz ist, da ein Führhund nicht funktioniert. Er arbeitet zusammen mit seinem Blinden bzw. Sehbehinderten und das geht nur mit einer gut abgestimmten Kommunikation. Der Hund muss unsere Körpersprache, Stimmlage und Aussprache verinnerlichen, bis das Team Hund – Mensch als solches optimal harmoniert. Das bedarf einiges an Zeit und Training, das man sich und vor allem dem Hund eingestehen muss. Aus diesem Grund wird die Einschulung mit dem neuen Führhund auch auf drei Wochen veranschlagt, damit ausreichend Zeit zur Verfügung steht, sich auf den Hund einzulassen und mögliche Schwierigkeiten abgearbeitet werden können.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es dem Hund umso leichter fällt, in seinem neuen Zuhause anzukommen, desto klarer man mit ihm umgeht. Wenn man den Neuankömmling totredet, was er überhaupt nicht versteht, irritiert es ihn nur. Lieber wenige klare Worte in Form der Hörzeichen, die er gelernt hat und kennt. Je konsequenter die Zeichen gegeben werden, desto klarer werden für den Hund die Grenzen in denen er sich bewegen kann und darf. Earl ist damit sehr schnell bei mir angekommen. Er ist ein umgänglicher Hund, der sich stets rückversichert, ob das, was er gerade für und mit mir tut, in Ordnung ist. Er wendet sich dabei stets mir zu und im Gegenzug erhält er von mir ruhiges, freundliches Lob. Das motiviert ihn, es richtig gemacht zu haben und ermuntert ihn, in seinem Tun mit Freude weiter zu machen. Genauso wichtig ist aber auch die Korrektur, wurde etwas schlampig ausgeführt. Das gilt für die Führarbeit, ebenso wie für den Gehorsam. Dabei muss man nicht laut werden oder hektisch. Meistens reicht es völlig aus, dem Hund zu zeigen, was er übersehen hat oder wo er geschlampt hat und wiederholt es, was dann mit viel Lob quittiert wird, wenn es korrekt ausgeführt wurde.

Gerade Erstführhundhalter müssen sich von dem Gedanken verabschieden, dass der Hund, der er/sie bekommt, perfekt arbeitet. Kein Lebewesen, uns Menschen eingeschlossen ist perfekt. Man muss sich auf das Tier einlassen, seine Stärken und Schwächen kennen lernen und damit arbeiten. Auch der Hund muss mit uns auskommen, uns einschätzen lernen. Der beste Hund, vor allem Führhund kann nur so gut sein, wie sein Halter zu geben bereit ist. Eine Schule kann einen sehr guten Hund abgeben, der innerhalb kürzester Zeit vom Halter unbrauchbar gemacht werden kann, wenn das, was er gelernt hat, nicht angewendet, gefördert und ausgebaut wird. Das gilt auch für den Gehorsam. Je konsequenter ich als Führhundhalter mit  meinem Hund umgehe, ich nenne es immer liebevolle Konsequenz, desto leichter werde ich es haben, der Hund übrigens auch. Hunde testen in regelmäßigen Abständen, wie weit sie gehen können. Erkennt man das nicht und korrigiert es, wird man bald einen Hund haben, der einem auf der Nase herumtanzt und einen nicht mehr für voll nimmt. Was das betrifft, sind sie unheimlich schlau.

Auch kann man nicht immer wegen allem, was möglicherweise nicht so optimal läuft, die Führhundschule verantwortlich machen. Bei Earl hatte ich das Problem, dass wenn er im Freilauf etwas in der Nase hatte, sich regelrecht daran festgesaugt hat und dabei die Ohren auf Durchzug gestellt hat. Deswegen ist er kein schlechter Hund, den man sofort wieder zurückgibt. Man muss sich Alternativen überlegen, kreativ werden, wie man sich selbst für den Hund interessanter machen kann. Gerade bei einem Labrador ist das sehr einfach, weil er unheimlich auf Fressbares fixiert ist. Also habe ich mir kleine Wienerstückchen zum Spaziergang mitgenommen und siehe da, das ist etwas, für das es sich zu hören lohnt. Das meine ich mit Arbeit, die man gewillt sein muss zu investieren, will man sein Leben mit einem Führhund verbringen. Man wird das ganze Hundeleben lang an der Bindung zu seinem Hund arbeiten müssen, damit man ein gutes Gespann ist und bleibt. Aber das lohnt sich. Ich möchte mir ein Leben ohne Hund nicht mehr vorstellen wollen. Man bekommt so viel an Lebensqualität zurück, die man durch die Sehverluste einbüßen musste. Wer diesen Text liest und sich jetzt denkt, sie ist aber kritisch, der hat Recht. Ich habe schon zu viele Führhundhalter getroffen, die erwartet haben, einen perfekten Hund zu bekommen und dann ganz entsetzt waren, dass man ihnen sagte, sie müssten noch Arbeit investieren. Ich habe Führhundhalter kennen lernen dürfen, die von vielen Schulen in ganz Deutschland Hunde ausprobieren und jeden wieder zurückgeben, weil keine ihren Anforderungen entspricht. Wenn ihr euch für einen Führhund entscheidet, dann lasst euch darauf ein, hört auf das, was eure Trainer euch sagen, denn sie kennen euren Hund am besten. Gerade unter Führhundhaltern ist es hinreichend bekannt, das jeder alles besser weiß. Aber die kennen euren Hund nicht. Ihr müsst mit ihm agieren und nicht die Anderen. Sprecht bei Problemen die Schule an und lasst euch dort beraten. Probleme sind dazu da, offen angesprochen und erfolgreich behoben zu werden. Je mehr Leute da mitmischen, desto verwirrender wird es für alle Beteiligten werden. Leidtragender Nummer eins ist dabei leider immer der Hund.

Für mich steht jedenfalls fest, dass ich mit meinem Earl einen Glücksgriff gemacht habe. Er ist ein toller Hund. Das war mir schon in der Einschulung klar. Wir haben in den drei Wochen viel trainieren dürfen, waren in verschiedenen Städten unterwegs, sogar am Münchner Flughafen und den dortigen Englischen Garten besuchten wir. Wettertechnisch nahmen wir im Januar 2016 auch alles mit. Von Dauerregen, Glatteis, Schneesturm bis Sonne war alles dabei.

Ich möchte hier keine Leser entmutigen, sich für einen Führhund zu entscheiden, aber ich möchte zum Denken anregen, dass man sich nicht für die Maschine entscheidet, sondern für ein Lebewesen mit eigenständigem Charakter, auf das man sich einlassen muss, mit dem man arbeiten und kommunizieren muss, damit man sicher und freudig zusammen durchs Leben gehen kann. Man hat die Verantwortung für seinen Führhund, sein ganzes wundervolles Leben lang.

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